Liebes Tagebuch. Schreibe heute etwas später, weil ich noch wegen dieser Spendensache müde bin.
Die Pressekonferenz. war sehr nervig. Diese ganzen unterbezahlten Medienheinis. Alles Verlierer. Hab denen trotz mehrfacher Nachfrage verschwiegen, dass ich den Kreditvertrag über 2 Mio. D-Mark, der die Geldflüsse in der Parteibuchhaltung rechtfertigen sollte rückdatiert habe. Blöd das…
Naja, wenn die das rausfinden, fliegt halt der Franz brutalstmöglich raus.
Einer muss den Kopf hinhalten. Warum soll ich das sein? Einen Chef der Staatskanzlei finden wir schon wieder – aber einen wie mich gibt’s nur einmal.
Bin jetzt müde, morgen mehr.
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Eine Zusammenfassung des Jahres 2000 schrieb Thomas Berber für das ARD-Magazin Panorama:
Ein Buch, das unter keinem christdemokratischen Weihnachtsbaum fehlen darf. Roland Koch legt seine Anmerkungen vor zu einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Parteiengeschichte: "Was soll's. Notizen aus dem Spendensumpf". Es ist das ergreifende Dokument eines einsamen Mannes:
1. Januar: Liebes Tagebuch, für's neue Jahr habe ich mir viel vorgenommen. Ich will genauso standhaft sein wie meine großen Vorbilder Kanther und Kohl. Wie ich unser Schwarzgeld mit einem tollen Trick aus der Buchführung entfernt habe, hat ihnen bestimmt imponiert.
14. Januar: Heute hat Manfred Kanther allen gesagt, dass er unsere Millionen heimlich in die Schweiz geschafft hat und dass ich von nichts wusste. Ich hab' mir alle Mühe gegeben, möglichst unschuldig zu gucken.
19. Januar: Gestern habe ich mich in den Schlaf geweint. Das hätte nicht passieren dürfen: Helmut Kohl ist als Ehrenvorsitzender zurückgetreten. Wo soll das noch enden?
8. Februar: Alle sind furchtbar aufgeregt, nur weil ich nicht die Wahrheit gesagt habe. Ist doch meine Sache. Und wer glaubt schon, was in Rechenschaftsberichten steht?
10. Februar: Ruth Wagner hat mir heute gesagt, sie sei von der FDP beim Umgang mit der Wahrheit noch ganz andere Sachen gewohnt. Ich mache weiter.
16. Februar: Wolfgang Schäuble hat auch nicht alles gesagt, was er wusste. Liebes Tagebuch, ist das nicht ganz normal? Einfach so zurücktreten wegen 100.000 Mark und ein paar Erinnerungslücken. Könnte mir nie passieren.
10. März: Unser Generalsekretär Müller muss zurücktreten. Der Idiot hat die Herkunft von Schwarzgeld verschleiert. Im Prinzip habe ich das ja auch gemacht, aber bei mir ist das natürlich etwas anderes. Den Müller gucke ich jetzt jedenfalls nicht mehr an.
21. Juni: Jetzt treten sogar schon Bundestrainer zurück. Dabei hat Erich Ribbeck noch nicht mal gelogen. Er hätte mal lieber vorher bei mir anrufen sollen, dann hätte er sicher noch mal drüber nachgedacht.
4. August: Bin heute gar nicht gut drauf. Alle treten zurück, nur der Schröder nicht. Ob es dieses Jahr mit der Kanzlerschaft doch nicht mehr klappt?
4. September: Eines unserer Kassenbücher war gefälscht. Na und? Es kann ja nicht alles so ordentlich sein wie meine Hecken zu Hause. Beim Arbeiten komme ich auf die besten Ideen. Warum machen wir nach unserer Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft nicht eine Kampagne gegen die doppelte Buchführung? Macht doch eh nur Ärger!
7. September: Der Chef meiner Staatskanzlei tritt zurück. Ich finde das total übertrieben. Wenn das so weitergeht, bin ich in der Kantine bald ganz allein.
21. Oktober: Daum ist zurückgetreten. Nahezu freiwillig. Haben die denn alle den Blick fürs Wesentliche verloren? Also einen Haartest würde ich freiwillig nie machen.
23. Oktober: Jetzt tritt auch noch der Polenz zurück. Ganz ohne Drogentest. Nur wegen Unfähigkeit. Seit wann ist das ein Rücktrittsgrund?
16. November: Heute großes Gelächter in meinem Kabinett. Klimmt ist zurückgetreten. Das Weichei. Das muss man sich mal vorstellen: ein läppischer Scheinvertrag, und schon wirft der das Handtuch.
1. Dezember: Mich hat schon seit drei Wochen keiner mehr gefragt, wann ich denn endlich zurücktrete.
14. Dezember: Liebes Tagebuch, für dieses Jahr hatte ich mir viel vorgenommen. Kanzler bin ich zwar noch nicht, aber auf jeden Fall der kommende Mann in der CDU. Ist doch alles gar nicht so schlecht gelaufen.
Roland Kochs Vorbilder, das hat er einmal in einem Interview verraten, sind Hannibal, Kolumbus und Kohl. Was sein erstaunliches Beharrungsvermögen angeht, orientiert er sich aber wohl ausschließlich an Letzterem.
(Bericht: Thomas Berbner, daserste.ndr.de/panorama/archiv/2000/t_cid-2942242_.html )

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